Veröffentlichungen
Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"
Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.
Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.
Pro Firma
Dies ist kein Wort zum Sonntag, sondern eher eines für Werktage.
Der Autor hat gerade als Sanierer ein 97 Jahre altes Unternehmen zu Grabe getragen und freut sich jetzt daran, dass es nach einer Insolvenz unter neuer Eigentümerschaft wieder aufersteht. Mehr als neunzig Jahre lang hatte es Erfolg, wuchs es, konnte investieren, ernährte seine Eigentümer und die dort Arbeitenden gleichermaßen. Und dann kam es knüppeldick: Generationenwechsel verpasst, uneinige Führung unter einem altgewordenen Senior, klug erdachte aber überdimensionierte Logistik. Ergebnis: Absturz. Die so lange erfolgreiche Unternehmerfamilie gescheitert. Mehr als die Hälfte der 400 langjährigen Mitarbeiter in alle Winde zerstreut. Lebenspläne durchkreuzt. Vermögen vernichtet. Tradition abgebrochen.
Wahrheit 1:
Bei aller Professionalität und bei aller Klugheit und Fachkompetenz – am Ende entscheidet oft das Glück des Tüchtigen oder der Zufall darüber, ob Ihre Geschäftsidee nicht nur richtig ist, sondern auch erfolgreich. Der Alte Preußen-Fritz soll gesagt haben, er brauche Offiziere, die nicht nur tüchtig seien, sondern auch „Fortune“ hätten. Glück eben, oder Intuition, oder Charisma, oder wie immer man dieses kleine Bisschen mehr nennen will. Mehr als der Durchschnitt, mehr als die handwerklich Perfekten, mehr als die Fleißigsten.
Wahrheit 2:
So, wie der Markt nun eben funktioniert, können nicht alle gleichzeitig gewinnen. Das Spiel geht nur auf, wenn auch Firmen zu Ende gehen, wenn Wettbewerber zurückfallen und wenn Konkurrenzprodukte aus dem Feld geschlagen werden. Alle wollen natürlich auf der Siegerseite sein. Aber dort ist nicht für alle Platz. Das eine berühmte olympische Motto gilt auch für Unternehmen und Unternehmer: Höher, schneller, weiter! Das andere olympische Motto ist deutlich weniger populär: Dabeisein ist alles!
Wahrheit 3:
Die Mehrheit aller leitenden Angestellten und viele Unternehmer haben schon einen oder mehrere berufliche Rückschläge hinter sich. Nicht selten kann eine staunende Öffentlichkeit am Sturz des Siegers teilhaben – und sie wird das in der Regel mit lebhafter Schadenfreude tun. Dazu sagte Jack Welch, langjähriger und höchst erfolgreicher Chef von General Electric, es komme nicht darauf an, ob man vom Pferd gefallen sei, sondern wie oft man sich danach wieder in den Sattel geschwungen habe. Der Mann hat Recht: Auf einer Erfolgssträhne nach oben zu schweben ist keine große Kunst. Mit einer Siegertruppe von Erfolg zu Erfolg zu eilen setzt unbegrenzte Selbstmotivationskräfte frei. Aber nach einem Sturz wieder aufzustehen, über die Schadenfreude der Umstehenden wegzuschauen – das ist die eigentliche Herausforderung.
Wahrheit 4:
Es ist nicht wahr, was uns viele Management- und Erfolgstrainer immer wieder einreden wollen, dass Erfolg einfach machbar sei. Es sind auch nicht immer die Klügsten und die Besten und die Solidesten, die am Ende Erfolg hatten. Manchmal sind es die Frechsten oder die Abenteuerlustigsten oder die Skrupellosesten. Das macht den Erfolg nicht schlechter, aber es relativiert ihn.
Wahrheit 5:
Solange Sie Erfolg haben, sind Sie für viele Menschen wichtig. Reißt aber ihre Erfolgssträhne einmal ab, dann sortiert sich Ihr Beziehungsgeflecht rasch und ohne eigenes Zutun. Es dünnt sich aus, es wird brüchig, es verliert an Haltbarkeit. Wer einmal im Rating abstürzte oder von einem Markteinbruch betroffen war, der kann davon ein Lied singen.
Es ist daher gut, wenn nicht das ganze Unternehmerleben auf die Selbstverwirklichung durch Geschäftstätigkeit ausgerichtet ist. Sonst tut sich in dem nie auszuschließenden Falle eines Misserfolgs nämlich ein Loch auf, ein riesiges, schwarzes, bedrohliches Loch. Dieses Loch kann überbrückt werden – aber dafür müssen Sie investieren, und zwar jetzt, so lange alles ganz friedlich und erfreulich in die richtige Richtung läuft. Freundschaften außerhalb der Nützlichkeitserwägungen des Geschäfts. Querverbindungen mit ganz normalen Menschen. Interessen, die auch „danach“ noch tragfähig und erfüllend sind. Eine Familie, die nicht nur von Arbeit und Maloche oder der Aussicht auf ein respektables Erbe zusammen gehalten wird. Ebenso Werte, die auch halten, wenn der Glanz des Erfolgs verblasst ist.
Unternehmer belächeln manchmal die Hobbys, die sich ihre Angestellten für die Zeit nach der Zurruhesetzung ausdenken. Ich finde: Wer so viele Risiken trägt, wie das Unternehmer tun, der sollte sich noch viel früher als seine Mitarbeiter damit beschäftigten, wie er sein schwarzes Loch überbrückt oder gar ausfüllt. Nicht (nur) aus Begeisterung für eine Liebhaberei, sondern aus purem Realismus.
Martin Beck
2005-11-15
(erschienen in ProFirma, Januar 2006, Haufe Verlag, Freiburg im Breisgau)
Kontakt: Prof. Martin Beck

