Veröffentlichungen
Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"
Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.
Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.
Pro Firma
Die Mär von der Unabhängigkeit
Er gehört zu den großen Traumfiguren unserer Zeit: der unabhängige Berater. Regelmäßig wird sein Erscheinen gefordert. Meist dann, wenn eine Brühe zu stinken beginnt. Wie Alexander der Große soll er dann als Lichtgestalt auftreten und – ohne umständliche Prüfung des Knotens – denselben mit einem Hieb durchschlagen. Allerdings – und hier weicht die heutige Erwartung vom historischen Alexander ab – er soll dabei niemand weh tun. Eigentlich soll alles bleiben, wie es immer war – nur geschützt und geheiligt durch das Votum des Unabhängigen.
Verehrte Leserschaft! Hier gibt es einiges zu klären!
Einmal stellt sich die Frage, was denn die vorherigen Berater waren. Gekaufte Kreaturen? Fachliche Nullen? Menschliche Wracks? Und – keine nebensächliche Frage: wer hat denn diese Schwachköpfe eigentlich engagiert? Wo war das klare und sichere Urteil der Auftraggeber?
Und auf der anderen Seite muss gefragt werden, wovon denn der Heilsbringer „unabhängig“ sein soll? Vom Kunden? Vom Markt? Vom Geld? Von fachlichen Diskussionsprozessen? Soll er (oder sie) einsiedlerisch und ohne Kontakt zur Außenwelt auf einer Insel sitzen und, wie die Geschworenen bei Michael Jackson, weder Zeitung lesen noch im Internet surfen dürfen?
Noch mehr zugespitzt: Welche Form von Unabhängigkeit ist denn gemeint? Soll ein Berater eher wie ein unschuldiges Kind oder eher wie eine profilierte Persönlichkeit sein? Soll er von Licht, Luft und Sonne leben oder darf er sich vom selbstverdienten Geld – dem Geld seiner Auftraggeber – ernähren? Und ist einer, der Geld für seine Arbeit nimmt, damit automatisch abhängig geworden?
Der Autor dieser Zeilen war fünfzehn Jahre lang Geschäftsführer einer mittelständisch strukturierten Beratungsfirma und arbeitet heute, wie die Amerikaner sagen, als „sole trader“, also als unabhängiger, keinem Konzern verpflichteter Berater. Ja, frage ich mich, wann war ich eigentlich unabhängiger? Als ich täglich Aufträge für ein Dutzend Berater suchen und akquirieren musste oder heute, wo ich nur noch für mich selber sorgen muss, aber natürlich aufs tägliche Brot angewiesen bin, wie alle anderen Mittelständler auch? Ist die Weltfirma der Wirtschaftsprüfung oder Unternehmensberatung, die das Glück hat, Haus-und-Hof-Berater von etwas größeren Firmen wie, sagen wir einmal, Daimler-Chrysler oder Siemens zu sein, unabhängig? Nein, ist sie nicht, denn sie muss ihren Apparat finanzieren.
Wir kommen damit zu der Frage, was eigentlich Unabhängigkeit im Zusammenhang von Beratung oder auch Wirtschaftsprüfung sein könnte.
Für mich ist die Antwort klar:
Unabhängig ist der Berater, der sein Handwerk beherrscht, der beruflich erfolgreich ist, der nicht auf jeden Beratungsauftrag existenziell angewiesen ist – und der so viel innere Distanz zum Gegenstand seiner Tätigkeit hat und wahrt, dass er in jedem Falle zu einer eigenständigen, fundierten Meinung kommt. Die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Beraters beweist sich vor allem dann, wenn er aufgrund nüchterner, kompetenter, professioneller Arbeit zu einem Ergebnis kommt, das von der Erwartungshaltung des Auftraggebers abweicht und diesen vielleicht sogar schmerzt oder ärgert.
Nun wird man vernünftigerweise nicht vom Berater erwarten, dass er immer Streit mit seinem Auftraggeber sucht. Auch der Klempnermeister oder der Möbelhändler verkaufen häufig Produkte, von deren Nutzwert oder Farbgestaltung sie nicht überzeugt sind und die ihnen nie ins eigene Wohnzimmer oder Bad kämen. Aber die Freiheit der eigenen Meinung mit Verstand und Anstand zu vertreten und zu verteidigen – das ist die hohe Schule des unabhängigen Beraters. Hoffen wir für ihn, dass er auf diesem Wege mehr Aufträge gewinnt als verliert. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber, wie immer, wenn einer seinen Weg geradlinig geht.
Es gibt übrigens heutzutage einen Sonderfall der Gefährdung für die Unabhängigkeit der Berater, ein heikles Thema. Basel II und die verschärften Kreditregeln für das Bankgewerbe haben zu einer ganz neuen Konstellation von Beratertätigkeit geführt. Banken, die in Sorge um ihre Kredite sind, schicken (auf Kosten des Bankkunden) Berater ihrer (nicht seiner) Wahl in mittelständische Unternehmen, um dort für Aufklärung und Ordnung zu sorgen. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Was aber auf jeden Fall passiert, ist eine völlige Rollenveränderung des Beraters. Er ist nicht mehr der Vertrauensmann des Kunden, sondern der Söldner der Bank. Er muss versuchen, ein gewisses Restvertrauen des Kunden zu gewinnen, aber seine Existenz hängt vom Vertrauen der Bank ab, nicht vom Vertrauen des Kunden. Eine komplizierte Situation. Eine Gefahr für die Unabhängigkeit des Beraters, die das Beratungsgewerbe verändern wird.
Und was ist jetzt mit unserem unabhängigen Berater?
Erwarten Sie nicht von ihm, dass er Ihnen nach dem Mund redet. Das könnte ein Hofnarr besser und billiger. Verlangen Sie von ihm, dass er auf eine klare Frage eine klare, nachvollziehbare, nutzbringende Antwort findet. Weisen Sie Geschwafel und diplomatisch-verbale Kapriolen zurück. (Merksatz: Was wie Unsinn klingt ist meist auch Unsinn!) Und sie werden sehen: es gibt sie wirklich, die unabhängigen Berater. Auf gute Zusammenarbeit!
Martin Beck - 2005-06-25
Erschienen in ProFirma, Haufe Verlag, Freiburg/Breisgau, September 2005
Kontakt: Prof. Martin Beck

