Gut essen oder gut schlafen, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Pro Firma

Gut essen oder gut schlafen

Ermutigung zur Selbständigkeit

Einer meiner langjährigen Mentoren und Wegbegleiter, ein erfahrener Wirtschaftsanwalt mit vielen Aufsichtsratsmandaten in der Wirtschaft und im Sozialbereich, der in seinem Berufsleben viele Führungskräfte und Unternehmer aufsteigen und fallen sah, griff immer wieder auf eine bewährte Lebensregel zurück: Man müsse sich im Berufsleben früh entscheiden, ob man „lieber gut essen oder lieber gut schlafen“ wolle. Beides zusammen gebe es nicht. Er, mein Mentor, habe sich früh für die Variante„gut essen“ entschieden und sei damit ein Berufsleben lang gut gefahren.

Hinter diesem etwas schalkhaften Spruch steckt eine tiefe Wahrheit. „Gut essen“ hat einen Preis. Nicht jeder ist für das freie Leben als Unternehmer oder als Freiberufler geeignet. Nicht jeder kann eine unbegrenzte Arbeitszeit und eine nie aufhörende Arbeitsfülle kraftvoll strukturieren, sodass eine vernünftige Balance von Arbeit und Rekreation heraus kommt. Nicht jeder hält die Spannung aus, wenn wieder einmal der Auftragseingang stockt, die Kosten weiter laufen, und die Zahlen eine rote Färbung annehmen, obwohl eigentlich alles richtig gemacht wurde. Und nicht jede Familie hält es aus, wenn der selbständig oder unternehmerisch tätige Haupternährer auch am Strand oder auf der Bergtour einmal am Tag seine Mails liest oder sich kurz berichten lässt, wie die Dinge zu Hause so stehen. Häusliche Gewitterstimmung kommt vor allem dann auf, wenn wieder einmal ein beamteter und pensionsberechtigter Autor so realitätsferne Theorien aufstellt wie etwa die, dass ein Urlaub unter drei Wochen gar nicht erst angetreten werden bräuchte oder dass man sich nur erholen könne, wenn man aus der Bürotür heraustrete und fortan Wochenlang keinen Gedanken an das Geschäft verschwende. Was für ein Unsinn! Ein Wissenschaftler wird auch am Strand manchmal seine Gedanken ins Berufliche schweifen lassen und einen Gedankenblitz notieren, notfalls auf der Speisekarte oder der Zeitung.

Unsere amerikanischen Freunde sagen: „If you can’t stand the heat stay out of the kitchen“. Wörtlich übersetzt: Wenn Du Hitze nicht aushältst, dann meide sie! Oder, sehr frei übersetzt: Wer’s lieber lauwarm und sicher haben will, wer lieber „gut schlafen“ will und dafür ein berechenbares, eher durchschnittliches Einkommen bis an sein Lebensende in Kauf nimmt, der sollte Beamter werden, in der Schule, beim Finanzamt oder beim Wasserwirtschaftsamt arbeiten, oder sonst eine geordnete Tätigkeit mit höchstmöglicher Sicherheit aufnehmen, soweit es solche Tätigkeiten überhaupt noch gibt. Diese Leute braucht die Gesellschaft auch, keine Frage. Deshalb sind solche Lebensentwürfe auch seriös und nicht zu tadeln. Allerdings nimmt die Zahl solcher Hochsicherheitsberufe deutlich ab. Weder im Bankensektor, einstmals ein Hort der beruflichen Sicherheit, noch in den großen Konzernen, die früher eine Art Industriebeamtentum anboten, gibt es das noch.

Wer aber die Freiheit liebt, wer bereit ist, den Preis der Freiheit zu bezahlten und nie mehr vor einem Chef knien oder kuschen will, der sollte sich selbständig machen. Er wird durch Höhen und Tiefen gehen, aber er wird, alles in allem, mit seinem Schicksal zufrieden sein. Zufriedener, als die meisten Festangestellten mit Pensionsberechtigung. Die sind nämlich überdurchschnittlich unzufrieden, wie man an jedem Stammtisch und bei jeder Familienfeier leicht und ungefragt erfahren kann. Offensichtlich steigt mit dem Grad der Sicherheit nicht die Zufriedenheit, sondern der Anspruch.

Für junge Leute ist ein solcher Schritt nicht leicht. Das war früher so und ist es auch heute. Da ist es gut, wenn sie erfahrene Gesprächspartner haben, die schon Siege und Niederlagen erlebt haben und die ihnen uneigennützig und erfahrungsgesättigt weiter helfen können. Und dann kann man ihnen auch guten Gewissens raten, sich selbständig zu machen.

Erschienen in ProFirma 01/02 2011 – Haufe Lexware Verlag Freiburg im Breisgau

Kontakt: Prof. Martin Beck

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