Veröffentlichungen
Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"
Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.
Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.
Pro Firma
Wie hält man einen Laden zusammen
Gibt es den richtigen Führungsstil zum Erfolg?
Wer eine Organisation zusammen und in Bewegung halten will, muss sich flexibel und mutig zwischen festem Zugriff und lockerem Zügel bewegen. Welche dieser beiden Führungsformen im gegebenen Zeitpunkt genau die Richtige ist, lässt sich nicht in Lehrbuchweisheiten fassen. Eine Organisation ohne Führung wird vielleicht noch eine Zeit lang von gemeinsamen Zielen geprägt. Deren Anziehungskraft lässt aber nach oder sie wird durch andere, attraktivere Ziele ersetzt. Sie bleibt zwar in Bewegung, aber sie wird sich in Teilbereiche auflösen, die jeweils eigene Bewegungsrichtungen einschlagen. Wenn in dieser Situation nicht rasch nach dem Zügel gegriffen wird, geht es mit der Firma bergab.
Die extremste Form von Dezentralität ist die Anarchie. Wo Anarchie herrscht, hält sich jedes Mitglied der Organisation für eine Ein-Mann- oder Ein-Frau-Freiheitsbewegung, die selber am besten weiß, was sie und was die Organisation brauchen. Die extremste Form von Zentralität ist die Diktatur in ihren verschiedenen Ausprägungen. Hier weiß einer alles am besten, und es geht nur denjenigen Mitgliedern der Organisation wirklich gut, die sich dem Machtinhaber täglich unterwerfen. Beide Formen sind in Reinkultur selten, aber sie kommen im richtigen Leben vor, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Man sollte nicht glauben, wie viel Anarchie ein Unternehmen verkraftet, ohne gleich in die Knie zu gehen. Und man sollte sich auch nicht darüber täuschen, wie viele kleine und größere Diktatoren in der Geschäftswelt herrschen. Aber, um es klar zu sagen: Anarchie und Diktatur sind in einem Unternehmen nicht wünschenswert. Sie blockieren Prozesse, sie absorbieren Kräfte und sie lassen den Kurs schlingern.
Schauen wir uns einmal in Physik und Mechanik um. Physikalisch gesprochen wirken Zentrifugalkräfte und Zentripetalkräfte auf die Firma und auf jede andere Organisation. Die Zentrifugalkraft kennen wir vom Kettenkarussell. Je schneller es sich dreht, desto weiter dehnen sich die Ketten und sie würden sich am liebsten verselbständigen, würden sie nicht durch die Zugkraft daran gehindert. Sie drängen nach außen, in die Freiheit. Typisch ist das für stark dezentral aufgebaute Organisationen. Jedes Organisationsmitglied strebt nach individueller Freiheit und empfindet die vorhandenen Anbindungen und Begrenzungen als Freiheitsentzug. Hier kommt jetzt die Führung ins Spiel. Sie bestimmt, wie lang die Ketten sein sollen. Sie zieht auch zurück, wenn sich die Dinge zu weit von der Achse entfernen. Und sie lässt los, wenn sie sich der Loyalität und der Anziehungskraft der Akteure auch ohne Kette sicher sein kann.
Die Zentripetalkraft sorgt dafür, dass der Laden beisammen bleibt. Sie muss mindestens so stark sein wie die Zentrifugalkräfte, sonst fliegen die Organisationsteile auseinander. Die Zentripetalkraft ist typisch für zentral aufgebaute Organisationen. Eine starke Hand hält zusammen, was stetig auseinander streben will. Je stärker diese Kraft wirkt, desto schwächer sind die äußeren Glieder. Eine starke Zentralgewalt nimmt ihnen alles ab – die Verantwortung, die Aufmerksamkeit, vielleicht sogar die Arbeit. Auch hier geht es jetzt um Führung. Wie viel Selbständigkeit lässt sie zu? Wie viel Gemeinsamkeit verlangt sie? Wo ist Schluss mit Selbständigkeit, weil die Kräfte gebündelt werden müssen?
Zurück zu unserer Ausgangsfrage: Wie hält man einen Laden zusammen? Wer nur dem Zug nach außen nachgibt, wird verlieren. Und wer nur zieht und keinen Spielraum lässt, wird ebenfalls verlieren. Führen ist eine Kunst, nicht nur ein Handwerk. Es reicht nicht aus, die Werkzeuge richtig einzusetzen. Führungskunst weiß auch, wann welches Werkzeug nötig ist – und wann Zurückhaltung oder aber machtvoller Krafteinsatz angezeigt sind.
Erschienen in ProFirma 09 2010, Hauf-Lexware Freiburg, September 2010
Kontakt: Prof. Martin Beck

