Veröffentlichungen
Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"
Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.
Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.
Pro Firma
Wann ist die Krise eine Chance?
Ist es nun eine Chance, wenn man in der Krise steckt? Und wie nutze ich die Chance?
Man kann es ja nicht mehr hören, das Gerede von der Krise als Chance. Viele Berater führen es im Munde, in jedem zweiten Festvortrag kommt es vor, aber keiner denkt wirklich darüber nach, was das bedeutet, welche Nebenwirkungen solche Sprüche haben und was sich Krisenbetroffene dabei so denken. Das wollen wir jetzt mal ändern.
Ein chinesisches Schriftzeichen, das keiner von uns versteht, soll sowohl für Krise als für Chance stehen. Das mag so sein, und wenn es so ist, dann spricht es für die Weisheit der alten Chinesen. Aber was hat das mit uns zu tun? Gehen wir der Sache doch mal systematisch auf den Grund. Häufig wird diese Behauptung leichtfertig verwendet, oberlehrerhaft, ohne Kenntnis der jeweiligen Situation und damit für manche Zuhörer auch abstoßend oder verletzend. Besonders delikat ist es, wenn beamtete und damit krisensichere Redner einer mittelständischen Zuhörerschaft erklären, wie tolle Chancen eine Krise doch eröffne. Da wird manchem Hörer der Zorn im Herzen erwachen und er wird mit geballter Faust in der Tasche dabeisitzen.
Warum soll eine persönliche Krise immer auch eine Chance sein? Woher weiß ich, dass der Absturz meiner Umsätze kurz- oder langfristig eine Chance ist? Wie komme ich denn von der Krise zur Chance, wenn Aufträge wegbrechen und Finanzierungen wanken? Wie erkläre ich meiner verängstigten Bank, dass es sich hier nicht um eine Kreditkrise sondern um eine Zukunftschance handelt? Es könnte ja auch der Anfang vom Ende einer langen unternehmerischen Geschichte sein. Beispiele dafür gibt es mehr als genug.
Den Pseudo-Sinologen sei ein Blick auf die bewährten Kernsätze mitteleuropäischer und hansischer Kaufmannschaft empfohlen, die wir lesen und verstehen können, ohne uns auf Kenner der chinesischen Kalligraphie verlassen zu müssen. Zum Beispiel:
• „Alles auf Wagnis!“ Die alten Kaufleute wussten, dass geschäftliche Chancen immer auch risikobehaftet waren. Wenn der Segler mit Gewürzen oder Tee auf hoher See unterwegs war, dann gab es nur Sieg oder Niederlage. Kam er an, herrschte eitel Freude. Ging er verloren, konnte das den Bankrott der traditionsreichen Firma bedeuten.
• „Wägen und Wagen!“ Man würde das heute vielleicht mit Risikomanagement übersetzen. Gemeint ist jedenfalls: Risiken und Chancen identifizieren und gegeneinander abwägen, dem möglichen Verlust und dem erhofften Gewinn kühl ins Auge schauen - und dann mutig entscheiden. Mutig heißt aber nicht immer, sich für das Risiko entscheiden. Mutig kann es auch sein, auf ein Geschäft zu verzichten. Hier versagen Rechenmodelle. Risikoentscheidungen sind am Ende immer vom Gefühl, von der Erfahrung, von der persönlichen Risikobereitschaft geprägt.
• „Wachsen oder weichen!“ Stillstand bedeutet für ein Unternehmen Rückschritt. Wenn die Traditionspflege überhandnimmt, dann beginnt der Abstieg.
Selbst so altbackene Sprüche wie „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“ oder: „Ohne Fleiß kein Preis!“ können mit dem Krise-und-Chance-Gerede mithalten.
Jaja, ich weiß: alles ganz großväterlich oder großmütterlich und sehr altmodisch. Aber, liebe Verehrer der chinesischen Weisheit, vergessen wir nicht: gerade in asiatischen Kulturen gilt das Wort und die Erfahrung der Älteren. Das gilt auch beim Malen und beim Interpretieren chinesischer Schriftzeichen. Die Jugend hört respektvoll zu – auch wenn sie dann ihre eigenen Schlüsse zieht. Und damit sind wir wieder bei Großvater und Großmutter angelangt. Was die gesagt haben, muss ja nicht falsch sein.
Martin Beck
Erschienen in ProFirma April 2010, Haufe Verlag Freiburg im Breisgau
Kontakt: Prof. Martin Beck

