Veröffentlichungen
Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"
Mehr als 170 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.
Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.
Pro Firma
Tradition ist schön und hinderlich
Tradition ist etwas Schönes, aber Ideen sind flüchtig.
Unternehmen und Unternehmer sind stolz auf Ihre Geschichte und ihre Tradition. Firma und Familie sind dabei kaum auseinander zu halten. Alle aus der Familie haben mitgemacht, mitgearbeitet, mit gefiebert, mitprofitiert oder mitverloren. Familien wurden zusammengeschweißt oder auseinandergerissen. In vielen Unternehmen gibt es eine Art Hausaltar, an dem der Gründer geehrt und an die wichtigsten Weichenstellungen erinnert wird. Jubiläen werden gefeiert, in guten wie in schlechten Zeiten. Das ist alles gut so. Aber es taugt nicht als tragende Idee für die Zukunft. Tradition ist etwas Schönes, aber Ideen sind flüchtig.
Tradition kommt in vielerlei Formen vor. Betrachten wir zunächst die einfache Form: Das war schon immer so! Da könnte ja jeder kommen! Das haben wir noch nie so gemacht! Heute weiß fast jeder, dass solche Sprüche nicht mehr weiter helfen. Trotzdem stecken sie in den Köpfen und tauchen in Drucksituationen ungefragt wieder auf. Und jetzt die gehobene Form: Wir im Hause … (hier bitte den eigenen Firmennamen einsetzen) halten das so! Schon unser verehrter Gründer, Herr Kommerzienrat (bitte hier den Gründernamen einsetzen) hat sich gegen solche Vorgehensweisen verwahrt. Und das soll bei uns so bleiben, bis an das Ende unserer Tage. Ein so gefestigtes Traditionsbewusstsein ist eine schöne Sache. Auf diese Weise wird Identität gestiftet oder gestärkt. Mitarbeiter und Kunden können sich damit identifizieren und daran ausrichten. Man nennt das Firmenkultur. Aber diese traditionsgesättigte Kultur hilft gar nichts, wenn die Zahlen nicht oder nicht mehr stimmen. Im Gegenteil: Sie kann den Blick auf die nüchterne und manchmal auch harte Realität versperren. Der Rückblick interessiert in der Gefahrensituation nur noch den Wirtschaftsprüfer und das Finanzamt, sozusagen die Archäologen des Geschäfts. Alle anderen schauen nach vorne.
Banken und Aktionäre sind heute nicht mehr bereit, ihr Geld allein auf eine lange Tradition zu setzen. Da muss schon mehr vorgezeigt werden. Sie wollen Perspektiven sehen, Ideen, Ansätze, Innovationen – und meist auch erste Erfolge, so schwer das auch sein mag. Es stellt sich ja auch die Frage, ob es wirklich in allen Fällen Traditionsbewusstsein ist, oder ob manchmal nicht auch Trägheit, Bequemlichkeit oder Konfliktscheu die wahren Antriebs- oder Bremskräfte sind. Auf Tradition allein lässt sich heute keine Firma mehr bauen. Viele traditionsreiche Namen und Unternehmen haben die Zeiten überdauert, weil sie offen waren für den Wandel. Nicht immer gerne und auch nicht immer freiwillig, aber immerhin, sie waren offen.
Aus der Sicht des Sanierers ist Tradition oft eine Ausrede für Trägheit und Entscheidungsschwäche. Die Väter und Mütter der Gründungszeit hätten ganz anders gehandelt. Sie verstanden sich nicht als Wahrer einer längst vergangenen Tradition. Nein, sie schauten nach vorne. Sie hatten Ziele. Und sie ließen sich nicht durch Inflationen, Währungsreformen und andere Formen von höherer Gewalt verdrießen. Der heute etwas in den Hintergrund gerückte Ökonom Joseph Schumpeter hat dazu schon im Jahre 1912 die These von der „schöpferischen Zerstörung“ aufgestellt. Danach muss der Unternehmer Vorhandenes zerstören, um Neues schaffen zu können. Das ist ein schmerzlicher Gedanke, wenn man ihn auf die eigene Wirklichkeit überträgt, aber er hilft beim Bewältigen der Gegenwart. Und deshalb sollte beim Jubiläum immer der Blick nach vorne im Mittelpunkt stehen. Der Markt ist unbarmherzig. Er belohnt nur Performance, nicht Tradition. Es lebe Joseph Schumpeter!
Martin Beck
Erschienen in Profirma 12 2009. Haufe Verlag Freiburg im Breisgau
Kontakt: Prof. Martin Beck

