Vom Wert des rechten Maßes, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Mehr als 170 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Pro Firma

Vom Wert des rechten Maßes

Heute gilt es nicht mehr, das Motto "Dabeisein ist alles". In unserer heutigen, extremen Zeit, fällt es vielen schwer Maß zu halten.

Unsere Zeit neigt zu Extremen. Wer sich nicht überdurchschnittlich einsetzt, wer nicht herausragende Ergebnisse erzielt, wer nicht wenigstens alles gibt und am besten noch mehr, der ist ein Loser, ein Warmduscher, ein Schwächling. Früher hätte man ihn als Faulpelz tituliert, aber der Begriff ist etwas aus der Mode gekommen. Dieser Glaube an Höchstleistung und Höchstgeschwindigkeit überfordert viele unserer Zeitgenossen. Diese gesellschaftlich akzeptierte Überforderung ist ein schleichender Prozess. Dramatische Zusammenbrüche sind eher selten, aber langsamer Verfall kommt häufig vor. Und die Betroffenen merken es oft als letzte. Dann kann es aber schon zu spät sein.

Die olympische Idee, wonach schon die Teilnahme am Wettbewerb eine Auszeichnung bedeutet, scheint derzeit in Wirtschaft und Gesellschaft keine große Bedeutung zu haben. Die Alten in der Antike wussten, dass die eigentliche Kunst nicht der schnelle Superlativ ist, sondern die lang anhaltende Dauerleistung. Man nannte das temperentia, die Kunst des Maßhaltens. So, wie der erfahrene Bergwanderer seine Kräfte einteilt und mit ruhigem, gleichmäßigem Schritt bergan geht, so sollte auch die Arbeit vorangetrieben werden. Der Bergwanderer lässt sich von den unerfahrenen Flachländern gerne überholen. Er kennt sein Tempo, er weiß seine Kraft einzuschätzen, er lässt sich nicht unter Druck setzen. Und vor dem Gipfel wird er die schnellen Überholer einholen, wenn sie kurzatmig und keuchend verschnaufen müssen. Missachtet der Wanderer diese Regel, dann gerät er außer Atem und verliert an Tempo.

Auch die Mönche des Mittelalters, die beileibe keine Faulenzer waren, sondern unter harten Lebensumständen grandiose kulturelle, pädagogische, religiöse, bauliche und wissenschaftliche Leistungen erbrachten, kannten den Wert des rechten Maßes. Sie richteten ihr Leben nach einem festen Rhythmus aus, der den Tag strukturierte und dem alle übrigen Tätigkeiten nachgeordnet wurden. Dieser Rhythmus half ihnen, die Kräfte einzuteilen und die Arbeitslast zu bewältigen. Ein bemerkenswertes Modell.

Ein solcher Rhythmus fehlt vielen Führungskräften unserer Zeit. Sie sind Jäger und Gejagte zugleich. Ruhe kommt in ihrem Leben kaum vor. Die totale Erreichbarkeit durch elektronische Medien, die schnellen Abläufe durch weltweite Kommunikation, die Erwartung aller Beteiligten an schnellstmögliche Reaktionen – sie sind auf die Dauer Gift für Leib und Seele. Wo Geschwindigkeit vor Qualität rangiert, dort dominiert die Atemlosigkeit. Wer immer und überall erreichbar ist, der ist Sklave und nicht mehr Herr. Nur merkt er es nicht immer. Es ist alles in allem ein bedauerlicher Zustand, den man niemand wünschen möchte.

Jetzt könnte man viele kluge Ratschläge geben. Ein Berg von mehr oder weniger klugen Büchern zum Thema wartet auf Käufer und – noch wichtiger – auf Leser. Managementberater und Mönche, Psychologen und Professoren, Praktiker und Theoretiker haben sich dazu Gedanken gemacht. Bei dieser Art Literatur gibt es Fundgruben und Flachgewässer. Da ist schwer zu raten. Deshalb nur so viel: Finden Sie zurück zu Ihrem persönlichen Tempo! Probieren Sie aus, wann Ihnen – bildlich gesprochen – der Atem ausgeht und nehmen Sie Ihre berufliche Taktzahl so weit zurück, bis Sie wieder frei atmen können. Dann macht die Arbeit wieder Spaß, dann laufen Sie rund, dann strahlen Sie auch positiv auf Ihre Umgebung aus

Martin Beck
Erschienen in ProFirma 11 2009. Haufe Verlag Freiburg im Breisgau

Kontakt: Prof. Martin Beck

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