Den Blick nach vorne richten, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Pro Firma

Den Blick nach vorne richten

Es lohnt sich also, auch in vermeintlich friedlichen Zeiten einmal die Dinge infrage zu stellen

Wenn ein Unternehmen in die Krise gerät und seine Bankpartner sorgenvoll dreinblicken, wird irgendwann die Forderung nach einer Fortführungsprognose gestellt werden. Es kommen dann Berater ins Haus - von den Banken gewünscht, aber von der Firma bezahlt - die viele Fragen stellen und am Ende ein Urteil fällen sollen. Dieses Urteil kann den Ausschlag geben, ob die beteiligten Banken und Gläubiger der Firma eine Chance geben, oder ob sie einen schnellen Ausstieg, die Exit-Strategie, wählen. Konkret: Der Rat der Berater hat maßgeblichen Einfluss darauf, ob im Unternehmen die Motoren anspringen oder die Lichter ausgehen. Diese von den Banken empfohlenen oder ausgewählten oder geschickten Berater sind manchmal erfahrene, nachdenkliche und nüchterne Leute, die schon viel erlebt haben, und sich nicht für die Größten halten. Manchmal sind sie aber auch jung und unerfahren, von einem glänzenden Hochschulabschluss beschwipst und von den Einpeitschern ihrer Beratungsfirma mit einer Überdosis Arroganz versehen. Dann ist Gefahr im Verzug.

Nun wollen wir hier nicht nur über Krisen, sondern lieber über Chancen reden. Der kritische Blickwinkel mit der Frage, ob das Unternehmen wirklich fortgeführt werden sollte, schadet keiner Firma. Es hilft die Überlegung, wie eine Fortführung aussehen könnte. Und keiner Geschäftsführung schadet die Frage, ob die bessere Variante eine gemächliche, sanfte Landung wäre oder aber die schnelle Trennung von allem, was bisher viel bedeutet hat. Das gilt auch dann, wenn die Firma im vollen Saft stehet und der Führung nichts ferner liegt als trübsinnige Gedanken über das Ende.

Es lohnt sich also, auch in vermeintlich friedlichen Zeiten einmal die Dinge infrage zu stellen: Wo stehen wir Sind wir attraktiv für Kunden und Mitarbeiter? Warum kaufen unsere Kunden bei uns? Warum gibt uns die Bank frisches Geld oder warum tut sie das nicht? Verdienen wir über oder unter dem Durchschnitt unserer Branche? Sind zu viele Familienmitglieder im Unternehmen oder ist die Entfernung von Gesellschaftern zur Unternehmensführung schon fast zu groß? Was würde ein neuer Eigentümer sofort verändern, und was würde er sich noch eine Weile lang anschauen? Wo haben sich Gewohnheiten eingeschliffen, die nur Geld kosten, aber keines bringen? Was wollten wir schon immer ändern, haben uns aber nicht getraut, aus Pietät, aus Gewohnheit oder warum auch immer?

Wenn Ihnen dieser Blick zu schwer oder das Beantworten der hier gestellten Fragen zu schmerzhaft ist, dann sollten Sie einen externen Fachmann Ihres Vertrauens hinzuziehen. Das wäre keine Schande, sondern eher ein Zeichen für eine wünschenswerte Distanz zu sich selber. Diese Fragen aber nicht zu beantworten, weil die Antworten weh tun könnten, ist sicherlich die schlechteste Variante. Das wäre ungefähr so, wie nicht zum Zahnarzt zu gehen, weil er vielleicht bohren könnte. Kurzfristig erspart das Schmerzen und Kosten, aber langfristig kostet es den richtigen Biss oder die unternehmerische Existenz.

Sind die Antworten wirklich schmerzhaft, ist Handeln angesagt. Sind die Antworten erfreulich, sollten Sie sich selbst gratulieren! Es gibt nichts Schöneres, als erhobenen Hauptes und pfeifend aus einer Vorsorgeuntersuchung nach Hause zu gehen! Schon allein wegen dieses Vergnügens lohnt es sich, kritische Fragen an den eigenen Laden und an sich selber zu richten.

Wer den kritischen Blick vermeidet oder verschläft, tut weder sich noch seinem Geschäft einen Gefallen. Signalisieren nämlich die selbst erarbeiteten oder fremd bezogenen Antworten eine Krisensituation, dann hilft nur noch rasches Handeln. Fortführung macht nur Sinn, wenn eine Perspektive erkennbar ist und auch das Geld zu deren Umsetzung im Hause oder bei der Bank bereit liegt. Trifft beides nicht zu, dann verlieren wir Geld, und zwar Tag für Tag. „Exit“ heißt nämlich nicht nur Ausgang oder Ausfahrt, sondern ist auch eine freundliche Beschreibung für den finalen Crash.

Erschienen in ProFirma Oktober 2008,
Haufe Verlag Freiburg im Breisgau

Kontakt: Prof. Martin Beck

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