Kündigungen bringen Phantomschmerzen, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Pro Firma

Kündigungen bringen Phantomschmerzen

Die bittere Wahrheit ist: Mit der Kündigung ist nicht alles aus und vorbei!

Es sieht so einfach aus: Wenn wir den Störenfried endlich aus dem Haus gebracht haben, dann wird alles gut! Dann kehrt Ruhe ein, die Geschäfte verlaufen wieder geordnet, alle konzentrieren sich wieder auf ihre Arbeit und tragen damit zum Erfolg des Unternehmens bei. Ob wir die Trennung eher rustikal oder mit größtmöglicher Noblesse vollzogen haben, das scheint in dieser Situation nicht mehr wichtig zu sein. Der Chef hat gezeigt, wer Herr im Hause ist. Und alles wissen das jetzt wieder, falls sie es vergessen haben sollten. Es war sozusagen ein pädagogisch wertvolles Machtwort.

So denken viele Unternehmer und viele Führungskräfte. Es ist ein verständlicher Wunsch, dass mit einem gezielten Schwerthieb der gordische Knoten aufgelöst werden könne, wie das bei Alexander dem Großen funktioniert haben soll. Das Leben ist so kompliziert, da wünscht man sich doch von Zeit zu Zeit eine einfache und klare Lösung, bei der man zudem noch Tatkraft und Energie demonstrieren kann.

Aber die bittere Wahrheit ist: Mit der Kündigung ist nicht alles aus und vorbei! Es ist vielleicht ein arbeitsrechtliches Problem gelöst oder eine Machtfrage entschieden, aber die Wunden, die während des quälenden Prozesses geschlagen wurden, sind noch offen, und die Spannungen, die von allen Beschäftigten bemerkt wurden, sind noch spürbar und keineswegs abgebaut. Die Organisation leckt ihre Wunden.

Unternehmer und Manager unterschätzen oft die psychologische Wirkung, die Kündigungen und Trennungen in die Organisation hinein ausstrahlen. Selbst der ersehnte Abschuss eines unbeliebten Vorgesetzten erzeugt hinterher „Phantomschmerzen“. Die Organisation leidet noch lange unter der Trennung, es entstehen romantische Legenden, in denen der Geschasste nachträglich zum Helden verklärt wird. Auch ein verhasster Kollege, dessen Abgang alle herbeigesehnt hatten, hinterlässt zunächst eine Lücke im System, sowohl menschlich als fachlich. Das kann Abteilungen beeinträchtigen oder eine ganze Organisation behindern.

Nun ist ein Unternehmen kein Mädchenpensionat und Chefs sind in der Regel keine verkappten Sozialfürsorger.,. Es wird ihnen deshalb schwerfallen, nach dem Sieg im Machtkampf nochmals, und zwar auf einer ungewohnt persönlichen Ebene, das Geschehen in der Organisation aufzuarbeiten und sozusagen die trauernden Hinterbliebenen des Falles aufzumuntern und durch reichlich gegebene Informationen wieder aufzurichten. Aber nur so können bleibende Motivationsschäden verhindert werden.

Meine Empfehlung: Was muss, das muss! Verhärtet sich ein Fall so sehr, dass er auf freundlichem Wege nicht mehr lösbar zu sein scheint, dann sollte der Chef dem Mitarbeiter zügig die Kündigung aussprechen, notfalls sogar vor den Augen des erstaunten Publikums – und dann der Organisation geduldig erklären, was passiert ist, was sich die Führung dabei gedacht hat, und wie es weiter gehen soll. Nichts ist schlimmer als ein lange anhaltender Kampf auf offener Bühne. Und wenig erschreckt die Leute mehr als das peinliche Schweigen nach dem Vollzug einer Trennung. Das Publikum ist nicht amüsiert, es fürchtet sich oder macht sich Gedanken, ob die eigene berufliche Zukunft nicht besser an einem sichereren Ort gesucht werden sollte. Dies kann man nur durch rasche und weitgehend offene Information vermeiden und indem man auch heiklen Fragen nicht ausweicht.

Und noch ewas: Dem abgegangenen Kollegen darf keine schmutzige Wäsche hinterher geworfen werden. Das fiele negativ auf die Führung zurück, schließlich hat sie einmal an den geglaubt, der jetzt hinausgeworfen wurde.. So lassen sich Phantomschmerzen vermeiden oder jedenfalls rasch wieder heilen. Bleibt die Wunde dagegen offen, dann wird in der Organisation ein Krankheitsherd entstehen, der Kräfte bindet und dem Ganzen schadet. Kündigungen sind Chefsache. Die Nacharbeit ist es auch.

Erschienen in ProFirma September 2008, Haufe Verlag Freiburg im Breisgau

Kontakt: Prof. Martin Beck

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