Wie überlebt die Firma einen Chefwechsel?, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Pro Firma

Wie überlebt die Firma einen Chefwechsel?

Ein Chefwechsel bringt immer Unruhe und Unsicherheit.

In den alten Zeiten nahm der Häuptling seine Witwe und der Ritter sein Pferd mit ins Grab. Alle, die ihm ewige Treue geschworen hatten, bekamen jetzt ein Problem. Denn der neue Herr brachte seine eigenen Getreuen mit, auf die er sich blind verlassen konnte. Kündigungsschutz gab es damals noch nicht, auch keine Abfindungen oder den Rechtsweg. Sogar der kluge Niccolo Macchiavelli, einer der frühen Politik- und Unternehmensberater, musste mehrfach das Weite suchen, um nicht Opfer eines Machtwechsels zu werden. Kurzzeitige Einkommensausfälle waren schon damals leichter zu ertragen als der Verlust des Kopfes.

Ganz so dramatisch geht es in heutigen Unternehmen nicht zu, aber ein Chefwechsel, vor allem ein überraschender oder ein konfliktbegleiteter, bringt immer Unruhe und Unsicherheit. Persönliche Vorlieben des neuen Chefs, Sympathie und Antipathie, Urteile und Vorurteile– das pralle Leben spielt in einen solchen Machtwechsel hinein. Und was in einschlägigen Romane und Filmen Dramatik erzeugt, ängstigt und bedroht die real Beteiligten, vor allem für diejenigen in abhängiger Position.

Jetzt kommen zu Recht bange Fragen: Was passiert mit den treuen Vasallen des früheren Chefs? War es ein Fehler, treu auszuharren, statt rechtzeitig abzugehen? Wie wird sich die Kultur des Unternehmens verändern? Was gilt noch von den langjährigen ungeschriebenen Regeln? Bringt der neue Chef seine Vertrauten mit und besetzt mit ihnen alle interessanten Positionen? Wie soll ich mich verhalten – angepasst und unauffällig, um nicht aufzufallen, oder mutig und entschlossen, um damit vielleicht Pluspunkte zu sammeln? Für alle Beteiligten, die gerade in zentralen Phasen der Lebensplanung stehen, wie Familiengründung, Kinderwunsch, Hausbau, wankt plötzlich der Boden. Man hatte sich so sicher gefühlt, und jetzt das!

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und gute Leute sind scheu und sensibel. Wenn ihnen der Boden zu heiß oder die Luft zu bleihaltig wird, dann sind sie weg, und mit ihnen das ganze Wissen, das sie im Laufe der Jahre auf Geschäftskosten angesammelt haben. Hier stellt sich dem neuen Chef eine der wichtigsten Aufgaben: Er muss Vertrauen ausstrahlen, Berechenbarkeit, Wertschätzung, Menschlichkeit, also all das, was verunsicherte Mitarbeiter brauchen, um doch noch eine Runde in der Firma zu bleiben. Und er muss früh für Klarheit sorgen, auch wenn diese Klarheit nicht für alle Empfänger der Nachricht angenehm ist. Besser, die Grausamkeiten sind bekannt und erlauben persönliche Reaktionen darauf, als die Folterwerkzeuge baumeln wochen- und monatelang im Chefbüro und halten viele in Atem.

Es gibt noch eine besondere Hürde: Der alte Chef tritt nicht etwa ab, sondern er wechselt nur die Visitenkarte. Da steht jetzt „Vorsitzender des Aufsichtsrates“ oder „Mitglied des Beirats“ drauf. Bei einem eigentümergeführten Unternehmen ist das ganz in Ordnung. Jeder hat das Recht, persönlich nach seinem Vermögen und dessen Entwicklung zu schauen, egal, wie alt er ist. Aber nichts ist schlimmer als unklare Rollen und ungeklärte Machtverhältnisse. Und wenn der Senior nur abgetreten ist, um die Öffentlichkeit oder die Banken zu beruhigen, aber in Wirklichkeit alle Fäden in der Hand hält, werden die Quasi-Nachfolger nicht erfolgreich agieren. Sie sind entweder unter Druck oder unter Aufsicht, oder sie sind gezwungen, am übermächtigen Denkmal zu kratzen. Nur: das Denkmal ist quicklebendig und wird zurückschlagen.

Bei Kapitalgesellschaften, deren Manager in der Regel nicht oder nur sehr gering am Unternehmen beteiligt sind, besteht in einem solchen Falle höchste Alarmstufe. Das Eigentümer-Argument fällt weg, es geht nur um Macht. Wer sich als Nachfolger auf eine solche Konstellation einlässt, in der ihm der alte Chef täglich vor der Nase herum tanzt, muss todesmutig sein. Und wer als Vorgänger glaubt, den Versuchungen dieser Konstellation gewachsen zu sein, der kennt die menschliche Seele nicht. Fazit: Es gibt ein Leben nach dem alten Chef – aber eine Phase des Machtwechsels kann für das Unternehmen riskant und für die Mitarbeiter ziemlich gefährlich sein.

Erschienen in ProFirma, Mai 2008, Haufe Verlag Freiburg im Breisgau

Kontakt: Prof. Martin Beck

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