Man sieht sich zweimal, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Pro Firma

Man sieht sich zweimal

Reisende soll man nicht aufhalten

Ist Fluktuation in der Mitarbeiterschaft eigentlich gut oder schlecht? Ist es ein Zeichen für Höchstleistungen des Managements, wenn alle Beschäftigten dasitzen und keiner weg will, weil es hier so schön ist? Oder ist es gerade das Gegenteil davon, nämlich ein Signal dafür, dass hier nichts oder wenig verlangt wird und Mitarbeiter ihr Geld sozusagen trotz Nichtleistung bekommen?

Es ist nicht ganz selbstverständlich, dass Leute, die während ihrer Tätigkeit einen guten Job gemacht haben, nach ihrer Kündigung mit Anstand abgehen können. Eigentlich würde man ja denken, dass eine gute Performance, von der die Firma über Jahre profitiert hat, auch das Recht zur freien und straflosen Berufsentscheidung gibt. Man sieht aber im wirklichen Leben ganz andere Abläufe: Sofortige Freistellung, Hausverbot, Sprechverbot – wie bei rechtskräftig verurteilten Straftätern oder bei Unholden, die sich an der Tochter des Chefs vergriffen haben.

Dabei ist jeder Mitarbeiter – auch der Lebenskünstler und die Krankmacherin und der Streithansel und die Schwatztante – ein wandelnder Schatz. Jede und jeder im Unternehmen trägt Wissen mit sich herum, offizielles und inoffizielles, selbst erworbenes und von der Firma bezahltes Wissen, ungeschriebene und geschriebene Kenntnisse, oft gewichtige Teile des Firmenvermögens und des Firmenwertes. Je höher die Fluktuation im Hause ist, desto mehr Anteile dieses Firmenschatzes laufen anderswo herum. „Knowledge Nomads“, Wissensnomaden, heißen diese hochqualifizierten Leute, die nirgends bis zur Rente bleiben wollen, aber während ihrer Präsenz oft gute Arbeit machen.

Da bietet es sich doch an, mit jedem Abgänger freundlich umzugehen. Wir wollen wissen, was er weiß. Wir wollen hören, was er uns noch zu sagen hat. Wir wollen auch erfahren, wo die Firma nach seiner Meinung Fehler gemacht hat oder Schwächen zeigt, auch wenn`s weh tut. „Exit Interview“ nennen die Angelsachsen ein Instrument, mit dem solche Informationen gewonnen werden können. Dieses strukturierte Gespräch vor dem Verlassen der Firma kann Gold wert sein. Vorausgesetzt, das Klima im Hause und das Verhalten der Vorgesetzten lassen ein solches vertrauensvolles Gespräch zu. Und wenn man persönlich zerstritten ist, aber trotzdem zum Gespräch bereit, dann kann auch ein externer Begleiter des Unternehmens – Steuerberater, Anwalt, Unternehmensberater – das Ausstiegsgespräch führen. Empfehlenswert wäre es, den abgehenden Mitarbeitern sozusagen „freies Geleit“ zuzusichern und das auch einzuhalten. Es darf nicht sein, dass ein offenes Wort hinterher zu zornigen Aktionen missbraucht wird. Das wäre der Tod aller künftigen Gesprächsangebote dieser Art.

Firmen, die gekündigten Spitzenleuten nicht zornig die Tür weisen, sondern ihnen sogar „Outplacement Beratung“ finanzieren, also die Begleitung auf dem Weg zwischen Kündigung und neuer beruflicher Aufgabe, wissen, was sie da tun. Sie sind nicht mildtätig, sondern klug und weitsichtig. Wer freundliche Erinnerungen mitnimmt, der wird sich eines Tages auch freundlich erweisen. Woher wissen wir denn, dass der vermeintliche Taugenichts nicht morgen als Chefeinkäufer unseres größten Kunden oder als Verkaufsleiter des schärfsten Wettbewerbers auftritt? Dann Gnade uns Gott, wenn wir unserem Zorn in der Zusammenarbeit oder beim Abschied freien Lauf gelassen haben!

Die Krönung einer klugen Abschiedskultur ist ein Netzwerk der Ehemaligen. Lehrlinge, Praktikanten, Nachwuchskräfte, Führungskräfte, in die Familienpause gegangene Kolleginnen – alle, die bei ihrem Abgang nicht steckbrieflich gesucht wurden. Ein solches Netzwerk gibt es informell sowieso, warum soll sich die Firma dann nicht ganz offiziell hineinbegeben oder sogar den Rahmen dafür bieten? Einmal im Jahr zum Kaffee einladen und berichten, was sich inzwischen getan hat? Einen Fachvortrag organisieren? Eine kleine Investition, aber möglicherweise eines Tages das rettende Netz. Man sieht sich ja bekanntlich immer zweimal.

Erschienen in ProFirma, Oktober 2006,
Haufe Verlag, Freiburg im Breisbau

Kontakt: Prof. Martin Beck

[zur Übersicht]