Veröffentlichungen
Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"
Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.
Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.
Pro Firma
Mittelständische Unternehmen und ihre Mitarbeiter
Mittelständische Unternehmen haben andere Kraftquellen als kapitalgetriebene Konzerne: Sie leben aus der Familie, wenn alles gut geht sogar über Generationen hinweg, und sie leben von treuen, fleißigen, anhänglichen, immer schon da gewesenen und irgendwie zum Inventar gehörenden Mitarbeitern. Das ist durchaus ein Zeichen für gute, menschliche, fürsorgliche Unternehmensführung, die auch im einfachen Mitarbeiter den Menschen sieht, und nicht nur den Kostenfaktor oder den Störenfried.
Was hält diese Mitarbeiter? Werden sie überdurchschnittlich bezahlt? Nein, eher im Gegenteil. Geht man besonders pfleglich mit ihnen um? Eher nicht. Sind ihre Arbeitsplätze beamtenähnlich sicher ? Früher einmal ja, aber das hat sich verändert. Und was verbindet das Unternehmen und die Unternehmerfamilien mit diesen Stammmitarbeitern? Sind sie besonders fleißig, überdurchschnittlich tüchtig, einfach nur verlässlich (was heißt hier: nur?).
Auf dem Lande, insbesondere in verlorenen und arbeitsplatzarmen Gegenden, liegt die Basis für gegenseitige Treue auf der Hand: Wo sonst sollte man denn arbeiten, ohne stundenlange Pendlerwege in Kauf nehmen zu müssen? Und wo sonst sollte man eingearbeitete und verlässliche Mitarbeiter bekommen, wenn nicht im direkten Umfeld? Es ist durchaus im gegenseitigen, im gemeinsamen Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sich unter diesen Bedingungen zusammenzuraufen. Weil sich aber die Rahmenbedingungen verändert haben – und übrigens auch die Wertehaltungen mancher Unternehmerfamilien – kommt neben dem traditionellen Treueverhältnis zwischen Langzeitarbeitnehmern und ebensolchen Arbeitgebern zunehmend auch das Thema „Verrat“ ins Spiel.
Ein Beispiel: Da wird der hoffnungsvolle junge Mann durch Andeutungen (unverbindlich) und Beinaheversprechungen (vermeintlich verbindlich) angetrieben und motiviert. "Wir setzen auf Sie",
"Wir wollen Sie aufbauen", "Irgendwann brauche ich einen Nachfolger". Das motiviert den jungen Mann, er bleibt da, weil er an diese Perspektiven glaubt, und er lässt Chancen ungenutzt, weil der dem Unternehmer glaubt. Und wenn plötzlich der Junior im Sattel sitzt und sich nicht um die ungeschriebenen oder geschriebenen Vereinbarungen hält? Wo bleiben die Andeutungen und Versprechungen? Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann abtreten. Das wird ihn schmerzen und er wird es überall gerne erzählen. Ein solcher Verrat ist nicht gut für das regionale Image der Firma, und auch ist auch nicht für das Klima im Hause. Er ist insbesondere nicht gut für das vorher vorhandene Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit.
Ein zweites Beispiel: Da entdeckt der junge Mensch, der im Unternehmen seine ersten Sporen verdient hat, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns noch grüner ist. Er bewirbt sich, er bekommt Angebote, er kündigt. Ein solcher Abgang wird in manchen Unternehmen wie Untreue in flagranti behandelt. Vorwürfe werden formuliert, die hohen Ausbildungskosten werden vorgerechnet, Misstrauen wird gesät, man geht im Unfrieden auseinander. Alles menschlich verständlich, aber ziemlich naiv. „Was man bei mir braucht, kann man bei mir auch lernen“ – diese Patriarchenmeinung stimmt heute nicht mehr, aber sie wird trotzdem noch gerne zur Stabilisierung unruhiger Mitarbeiter eingesetzt. Verehrte Unternehmerfamilien: Nur draußen kann man sich und sein Wissen ausprobieren, also dort, wo man nicht der ewige Lehrling oder der verdiente Stürmer vom Sportverein oder der nette Neffe der Chefin oder der verhasste Günstling des Seniors ist, sondern auf sich selbst gestellt und nur sich selber verantwortlich. Wer sich dort bewährt hat und die weite Welt mit ihren süßen und bitteren Elementen schnuppern durfte, der kehrt auch gerne wieder an seine Wurzeln zurück, wenn ihm ein adäquates Angebot gemacht wird.
Treue und Verrat sind eng miteinander verwandt. Gefragt ist der realistische Blick dafür, dass nie alle dableiben werden und dass häufig die falschen gehen. Das ist nicht zu verhindern. Wo die betriebliche Treue hoch gehalten wird, so hoch, dass man eigentlich nicht mehr mit Anstand weggehen kann, dort lockt auch der Verrat. Verrat ist hier kein juristischer Tatbestand, sondern ein ethischer. Wer bleibt ist gut, wer geht ist ein Verräter. Das schmerzt, wenn man lange Jahre gut und verlässlich gearbeitet hat, und man wird nie mehr dorthin zurückkehren. Dagegen hilft nur eine freiheitliche Personalpolitik. Gute Leute lassen sich sowieso nicht einsperren. Dann doch lieber den Nachwuchs fördern, ihn mit Anstand ziehen lassen, immer Kontakt zu ihm halten, und ihn im richtigen Augenblick wieder zurückholen. Es ist auch eine Frage der Ehre, wenn die eigenen Leute an anderer Stelle gut sind und Karriere machen. Man wird darüber sprechen, wo er Aufsteiger seine ersten Sporen verdient hat, und das wir positiv auf Sie zurückfallen. Freiheit statt Verrat, sozusagen. Eine Investition in die Zukunft.
Erschienen in ProFirma, Januar 2007, Haufe Verlag, Freiburg im Breisgau
Kontakt: Martin Beck

