„Ich will hier rein!“, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

Sonstige

„Ich will hier rein!“

Karriereplanung – Tabu für Diakoniker?

Zitat:
“Ein weiser Mann, der sich nicht brauchen lässt, und ein vergrabener Schatz, wozu sind sie beide nütze? Es ist besser, dass sich der Unweise verkrieche denn der Weise“ (Sirach 20, 32f)


Was ist Karriereplanung?

Karriereplanung heißt: Planung in eigener Sache. Endlich einmal die eigenen, individuellen Interessen benennen, berücksichtigen und verfolgen dürfen. Keine hemmenden Eingrenzungen beachten müssen, nach denen „man“ „das“ bei Diakonie und Kirche nicht tun dürfe. Keine Befangenheitsregeln, keine gesellschaftlichen Tabus: ich, einfach ich!

Vielleicht arbeite ich über Jahre hinweg hartnäckig und zielstrebig (beides sind in diesem Fall positiv belegte Begriffe!) daran, mein einmal ins Auge gefasstes Ziel zu verfolgen. Dabei lasse ich mich auch von schulischen Schwächeperioden, familiären Störgrößen und beruflichen Hindernissen nicht aufhalten. Ob ich mein Ziel mit Freunden oder Kollegen teile, hängt sehr von den jeweiligen Verhältnissen ab. Wo ich Anteilnahme, Mitfreude oder gar Unterstützung erwarte, da bin ich offen. Wo ich Unverständnis, Neid oder Eifersucht befürchten muss, da bin ich verschwiegen wie ein Grab.

Karriere in diesem Sinne muss nicht nur der hierarchische, gesellschaftliche und finanzielle Aufstieg sein. Es kann auch die fachliche Qualifizierung, die Verbreiterung des eigenen Leistungsspektrums oder die vollständige Eroberung eines neuen Fachgebietes sein.

Wenn ich mein Ziel endlich erreicht habe, bin ich glücklich und zufrieden – oder ich fasse sofort ein weiteres, höheres Ziel ins Auge, weil ich Wege reizvoller finde als Zielbahnhöfe und ich bin wieder unterwegs.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht heute so aus, dass regelmäßige und berechenbare Karriereschritte nur noch in Beamtenlaufbahnen und beim Militär vorkommen. Überall sonst sind die früher weithin sichtbaren Karrieretreppen durch Buschwerk verdeckt oder durch Erdrutsche verschoben worden. Selten sind heute mehrere Schritte im voraus übersehbar und vorhersehbar. Weichen verändern ihren Standort, Wegzeiger sind veraltet, Landkarten nicht aktuell. Karriere ist heute ein Abenteuer mit vielen Überraschungen. Brüche und überraschende Richtungswechsel sind der Normalfall. Wer sich trotzdem auf den Weg macht, wird viel erleben – und wahrscheinlich trotzdem ans heiß ersehnte Ziel kommen.

Was ist der Preis einer konsequent verfolgten Karriereplanung?

Konsequente Karriereplanung ist mit emotionalen Höchstleistungen verbunden. Auf der Seite des Planenden entsteht im Laufe der Zeit ein Bild mit hoher Anziehungskraft, das wie ein Leuchtturm wirkt und auf das hin die beruflichen (manchmal auch die persönlichen) Entscheidungen orientiert werden.

Wer ein beruflich-persönliches Ziel nachhaltig verfolgt, muss deshalb weder ein Einsiedlerleben führen noch emotional verarmen. Im Gegenteil: die Chance, immer wieder neue, interessante Leute kennen zu lernen und mit ihnen gemeinsam auf dem Wege – und manchmal auch im edlen Wettstreit – zu sein, ist sehr attraktiv. Es ist ein Vorurteil, dass karrierebewusste und ehrgeizige Leute auf ihrem Wege nur kaputte Beziehungen und zerbrochene Freundschaften hinterlassen müssten. Für Partner, Familie und Freunde kann es faszinierend, anregend und motivierend sein, einen zielstrebig verfolgten Berufsweg zu begleiten und manchmal auch durch dezente Steuerungsimpulse zu beeinflussen. Auch die Kinder eines erfolgreich aufstrebenden Menschen müssen darunter zwangsläufig nicht leiden. Wenn alles gut geht, und das Umfeld stimmt, werden sie sogar für ihren eigenen Weg profitieren.

Zum Preis einer Karriere gehört fast immer der erhöhte Zeiteinsatz. Wer mehr will, als nur alle paar Jahre vom Bewährungsaufstieg oder der Altersvorrückung getroffen zu werden, der/die muss Zeit und Kraft einsetzen. Nicht unbedingt, um Überstunden zu produzieren oder um morgens das erste und abends das letzte beleuchtete Bürofenster zu zeigen. Endlose Bürostunden können auch ein Signal dafür sein, dass es sich am Arbeitsplatz angenehmer, konfliktärmer oder bequemer leben lässt, als zu Hause im privaten Umfeld. Ob der erhöhte Zeiteinsatz über die Jahre hinweg zu einer emotionalen Verarmung oder gar zu Beziehungsstörungen führt, oder ob daraus eher erhöhte Arbeitszufriedenheit und ein insgesamt dynamischeres und bewegteres Leben entsteht, das hängt vom Einzelfall ab. Nur am Rande sei erwähnt, dass mit einer gelingenden Karriere in der Regel auch verbesserte Einkommensbedingungen verbunden sind. Partner und Kinder (insbesondere heranwachsende Kinder) wissen das sehr zu schätzen.

Musterschüler oder Karriereschwein?

In Deutschland gilt unverändert die Regel: Lob ist geschenkt, Neid muss man sich hart erarbeiten. Kirche und Diakonie haben bis heute nicht den Mut, mit langem Atem, mit weitem Horizont und mit ausreichendem Budget so etwas wie Kadergewinnung und Kaderbildung zu betreiben. Selten wird mit guten Nachwuchskräften offen über mögliche Karrierewege gesprochen. Und wer solche Pläne hegt, tut besser daran, sie nicht auszusprechen. Wer wie einst Gerhard Schröder am Zaun rüttelt und ruft: Ich will hier rein! Der ist eigentlich schon verdächtig. Kommt er auch noch aus dem gleichen Stall und wird dann Chef seiner alten Kollegen, dann wird’s unter Umständen kritisch. Kein Wunder, dass viele lieber in der Deckung der Meute (oder, freundlicher, des Teams) bleiben.

Vitamin B oder Netzwerk?

Wer es geschafft hat, der muss sich mit den oben angedeuteten Neidreaktionen auseinandersetzen. Wie konnte das mit rechten Dingen zugehen? Wer hat da heimlich Regie geführt? Wer ist wessen Pate? Wie persönlich waren die Beziehungen zwischen Förderer und Gefördertem oder Geförderter?

Offen gesagt: Es ist alles ganz anders, als die – meist karrieremäßig zurückgebliebenen – Neider meinen. Vitamin B, also versteckte oder offene Protektion von vielleicht weniger glänzenden oder gar gänzlich ungeeigneten Figuren. kommt im richtigen Leben tatsächlich vor. Diese Form von Unterstützung ist aber unklug und schadet auf die Dauer den so Geförderten. Zieht sich die schützende Hand zurück, dann kann der anschließende Luftzug sehr, sehr kalt sein.

Ganz anders ist die Frage der Netzwerkbildung zu sehen. Kontakte zu suchen, zu sammeln, zu verknüpfen, zu intensivieren, durch Geben und Nehmen auch zu festigen – das ist nicht nur vernünftig, sondern eigentlich die Existenzgrundlage aller Mitwirkung, Mitgestaltung und Führung. Wer das tut, hilft sich und anderen. Wer Networking schlecht oder anrüchig findet, muss halt in seinem etwas muffigen Ausgangsloch sitzen bleiben.

Karrierehindernisse in der Diakonie

Ende der achtziger Jahre hat der Vorgängerverband des BEB eine Untersuchung in Auftrag gegeben, mit der geklärt werden sollte, ob und in welchem Umfang ein Generationenwechsel in den Führungsetagen der Diakonie bevorstehe. Man wollte sich sich auf einen solchen Wechsel gemeinsam durch Schaffung eines Anreizklimas für künftige Führungskräfte vorbereiten. Die Untersuchung bestätigte die Vermutung.

Seither sind manche Versuche unternommen worden, künftige Führungskräfte trägerübergreifend zu entdecken, zu ermuntern, zu begleiten, zu qualifizieren. Die tatsächlich durchgeführten Maßnahmen wie zum Beispiel eine ganzen Serie von Führungskräftekursen, die mit Unterstützung des Diakonischen Werkes Württemberg von der Beratungsgesellschaft BSU durchgeführt wurden, waren durchaus erfolgreich. Die Mehrzahl der Absolventen sitzt heute in Spitzenpositionen, nicht wenige bei BEB-Mitgliedern. Die meisten anderen Versuche waren aber halbherzig und wurden nicht nachhaltig genug betrieben.

Hier spielt vielleicht auch die über Jahrzehnte gepflegte Distanz der evangelischen Kirche zu Eliten im allgemeinen und evangelischen Eliten im Besonderen eine Rolle. Es ist noch gar nicht so lange her, dass solche Leute buchstäblich aus ihrer Kirche hinausgepredigt wurden. Viel klüger ist hier die katholische Kirche: sie fördert, pflegt, umhegt, begleitet solche Schäflein, die mehr können und das auch noch wollen.

Wozu eigentlich Karriere?

Sportliche Aspekte

Wer Begabungen hat und sie kennt, der will sie auch einsetzen. Das sportliche Messen der (geistigen) Kräfte, wie es unter Kollegen, unter Freunden möglich ist, kann durchaus karriereförderlich sein. Mitarbeiter, die erkennbar mit Lust bei der Sache sind, die sich etwas zutrauen, die weder die Denk-Schere im Kopf haben noch die Feierabend-Stechuhr dauernd vor sich hertragen, fallen auf, werden gefördert, bekommen Chancen.

Das Ganze ließe sich übrigens auch theologisch begründen: Wer schon Gaben bekommen hat, der soll sie auch einsetzen – zum höheren Lobe des Schöpfers, aber da darf durchaus auch etwas für den Begabten selber abfallen.

Neugier, Anreiz und Ehrgeiz

Die beiden Begriffe Neugier und Ehrgeiz stehen sich nahe. Wenn ich entdecke, dass ich mehr kann, dann kommt damit – hoffentlich – auch die Freude, dieses „mehr“ auch einzusetzen. Und mit dem gelingenden Einsatz der neuen Kompetenz kommt die Lust auf weitere Entdeckungen und die Freude am Erfolg. Wenn dieser Kreislauf nicht durch missmutige Kollegen und misstrauische Vorgesetzte behindert wird, sondern vielleicht sogar freundliche Unterstützung erfährt, dann kommt ein dynamischer Prozess in Gang, der bereichernd, befriedigend und herausfordernd wirkt.

Macht, Einfluß, Geld, Ansehen

Im Laufe einer erfolgreichen Karriere wachsen dem Aufsteiger neue Möglichkeiten zu. Dazu gehören ein zunehmender Einfluss auf Organisationen und Menschen, ein erhöhter Bekanntheitsgrad, wachsendes gesellschaftliches Ansehen, größere Gestaltungsmöglichkeit im beruflichen Umfeld und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Berufswege anderer Mitmenschen beeinflussen zu können. Sagen wir einfach: Macht, mit all ihren Licht- und Schattenseiten.

Macht ist zunächst ein anvertrautes Pfund, das hoffentlich durch Potentiale, Werte und Charakter gestützt, korrigiert und beeinflusst wird. Macht ist da, sie hat attraktive Aspekte – aber sie wird als Karriereziel nur hinter vorgehaltener Hand benannt. Macht kann in transparenten Prozessen verliehen oder erworben werden. Ihre Praxis kann durch geeignete Mechanismen überwacht und überprüft werden.

Erotik der Macht

Ganz vorsichtig ein Wort über die angebliche Erotik der Macht, also etwas, worüber in der Diakonie nicht gesprochen wird.. Wenn man den einschlägigen Medien glauben darf, üben Leute, deren Erfolg sich in Zuwachs an Geld und Macht ausdrückt, auch eine gewisse Anziehungskraft auf Menschen in ihrer Umgebung aus. Nun wird man/frau vielleicht heimlich seufzen, dass diese Form der Anziehung wohl in Sichtweite von BAT und AVR nicht so recht zur Wirkung kommen werde. Es darf hier die These gewagt werden, dass auf diesem Gebiet jedes gesellschaftliche System seine eigenen Werte- und Anziehungshierarchien ausformt.

Was ist der Beitrag des Unternehmens und der Vorgesetzten?

Unternehmen haben die natürliche Tendenz, gute Leute an sich zu binden. Unsichere Vorgesetzte tun noch ein Übriges und verhindern, dass gute Leute von außen sichtbar werden. Dieses Verhalten ist kurzsichtig und schädlich. Das Entwickeln von Führungskräften ist ein Geben und Nehmen. Wenn unsere Nachwuchskräfte woanders Karriere machen, fällt auch ein Glanz auf uns. Wenn wir so gut sind, dass unsere Leute draußen gesucht sind, dann wollen andere attraktive Leute zu uns kommen. Es ist deshalb nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, wenn Unternehmen in Führungsnachwuchs und Führungsqualität investieren. Es ist auch ein Zeichen von strategischer Klugheit. Im übrigen haben Aufsichtsräte und Vorstände hier auch eine Fürsorgepflicht, die über den eigenen Laden hinausgeht.

Generell gilt: Reisende kann man nicht aufhalten. Aber wenn sie schon reisen wollen, dann sollen sie mit guten Gefühlen und lebendigem Netzwerk von uns gehen. Man sieht sich bekanntlich immer zweimal.

Wann gelingt eine Karriere?

In einem Beitrag für eine Diakoniezeitschrift darf auch Nachdenkliches nicht fehlen. Deshalb (aber nicht nur deshalb) die Frage: Wann gelingt eine Karriere?

Das lässt sich natürlich nur individuell beantworten. Aber einige Grundsätze lassen sich schon aufstellen. Eine Karriere gelingt

- wenn der Mensch dabei Mensch bleibt
- wenn der Mensch dabei glaubwürdig bleibt
- wenn dabei schlummernde Begabungen aufgedeckt werden und blühen
- wenn der Mensch dabei wächst und reift
- wenn dadurch Träume wahr werden
- wenn sich daran auch die Umgebung (familiär, beruflich, freundschaftlich) freuen kann
- wenn auf dem Wege nicht nur besiegte Rivalen liegen (obwohl auch das einmal vorkommen kann), sondern am Wegesrand auch Freunde stehen und sich freuen.

Fazit

Was lässt sich nun zum Thema Karriereplanung raten? Hier einige Ratschläge aus langer Praxis als Führungskraft, als Berater, als Personalberater und als Aufsichtsrat:

- Sich nicht zu früh auf ein zu enges Fenster festlegen (in Alternativen denken)
- Sich Zeit lassen
- Neugierig bleiben
- Die Balance zwischen Leben und Arbeiten immer wieder neu justieren
- Nicht nur Fachbildung sondern auch Allgemeinbildung pflegen
- Kein Fachidiot werden. Generalisten haben mehr Möglichkeiten
- Bewusst auch berufsfremde Interessen pflegen
- Bewusst auch Beziehungen und Freundschaften zu Menschen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen suchen und pflegen (mit „ganz normalen Menschen“ verkehren)
- Besser sein wollen, aber nicht besserwisserisch sein
- Nicht vergessen, von welchen Wurzeln man abstammt und aus welcher Startposition man kommt
- Alte Kontakte frisch halten, neue dazugewinnen
- Nicht nur nach oben sondern auch seitwärts für Veränderungen offen bleiben
- Rechtzeitig merken (oder sich von Freunden anstoßen lassen) wenn es Zeit wird für einen ehrenvollen Abgang

Martin Beck
03.07.2005

Erschienen in „Orientierung“ Fachzeitschrift der Behindertenhilfe, Bundesverband evangelische Behindertenhilfe, Stuttgart, Ausgabe 4/2005

Kontakt: Prof. Martin Beck

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