Führung ist das Management von Enttäuschungen, Unternehmen, Führung, Management, Wirtschaftlichkeit, Qualität, Steuerbarkeit, Identifizierbarkeit, Transparenz, Vernetzbarkeit, Mittelstand

Veröffentlichungen

Ich schreibe und veröffentliche fleißig. Vielleicht, um die alte Regel zu überprüfen: "Wer schreibt, der bleibt!"

Weit über 200 Veröffentlichungen, überwiegend zu betriebswirtschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Themen, stehen auf meiner Publikationsliste.

Hier finden Sie jeweils die jüngsten Werke aus meiner Feder, jeweils verbunden mit einem Hinweis auf den Verlag oder das Verlagsobjekt, in dem der Text erschienen ist.

SOZIALwirtschaft aktuell

Führung ist das Management von Enttäuschungen

Sie ist etwas nachdenklich, diese Überschrift, vielleicht sogar mit einem leichten Stich ins Depressive, finden Sie nicht? Der Titel stammt übrigens nicht vom Autor dieser Zeilen, sondern von Dieter Frey, Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, kürzlich aufgeschnappt bei einem Seminar für Führungskräfte der Sozialwirtschaft. Der Mann weiß, wovon er spricht. Und er kennt Wirtschaft wie Sozialwirtschaft.

Wenn das stimmt, dass Führung nicht vor allem darin besteht, erfolgsorientierte und erfolgsverwöhnte (vorwiegend jüngere) Menschen mit Begeisterung von Sieg zu Sieg zu führen, müssen wir dann nicht unsere ganze Motivationsmaschinerie über den Haufen werfen? Was bedeutet es für Führungskräfte, wenn ihr einstmals glamouröser Job jetzt überwiegend darin bestehen soll, den miteinander älter werdenden mittleren Angestellten des Hauses nacheinander zu erklären, welchen Karriereschritt sie nicht mehr erreichen werden, welches persönliche Ziel sie sich endgültig abschminken können und welche Kompetenz sie, trotz jahrelanger Mühen, auf keinen Fall mehr erreichen werden, weil halt die Begabung dafür fehlt?

Es ist eine deutliche Lücke zwischen der häufig erfolgsfocussierten Theorie und der eher grauen Praxis festzustellen. Der Autor dieser Zeilen hat in den vergangenen zwei Jahren als Sanierer einer Unternehmensgruppe einen einzigen Menschen eingestellt, also mit einer neuen beruflichen Perspektive versehen, aber über einhundert andere entlassen und ist derzeit dabei, dieses triste Geschäft vollends abzuschließen. Wenn’s gut geht, bleiben am Ende zweihundert von einstmals vierhundert Leuten in Lohn und Brot. Das ist Management von Enttäuschungen pur, weil viele Lebenspläne durchkreuzt werden und viele Sicherheitsbedürfnisse nicht erfüllt werden konnten.

Eine siegreiche Truppe zu führen ist kein großes Problem. Man muß eigentlich nur aufpassen, daß man nicht von den eigenen Leuten überrollt wird. Einen Durchschnittshaufen von Kolleginnen und Kollegen beieinander und auf Kurs zu halten, in dem Winner und Loser, Aufsteiger und Absteiger, Könner und Flaschen, Optimisten und Pessimisten, Arbeitstiere und Faulpelze, ehrliche Häute und verlogene Typen ihre Rollen spielen – das ist Führungskunst! Hier werden hohle Phrasen sofort durchschaut. Jeder und jede kann an jedem neuen Arbeitstag studieren, wie die Berufswelt wirklich ist, nämlich eher darwinistisch als solidarisch. Die Selektionsmechanismen sind zwar subtil und – BAT und AVR sei an dieser Stelle ausdrücklich Dank gesagt! – Auslese führt nicht sofort zur Aussteuerung, aber das sind nur weiche Verpackungen des ansonsten harten, scharfkantigen Kerns.

Was tun? Hier (wie übrigens auch sonst öfters im Leben) hilft eigentlich nur die Rückkehr zur Offenheit, Klarheit, Wahrheit, Verläßlichkeit, Mut, also zu den wieder gesellschaftsfähig gewordenen Sekundärtugenden. Machen wir uns nichts vor: Kein Mitarbeiter, der bei Verstand ist, glaubt dem Chef auf die Dauer, wenn dieser nur unglaubwürdige Phrasen drischt. Jeder klar denkende Mitarbeiter kann seine Position realistisch einschätzen, oder er lernt dies spätestens nach einigen nüchtern, respektvoll und klar geführten Mitarbeitergesprächen. Es sind häufig die Chefs, die sich Trugschlüssen hingeben, nicht die Basismitarbeiter.

Führungskräfte sind ihren Mitarbeitern diese Klarheit schuldig! Wenn die Dinge dann geklärt sind, wenn lange gehegte Hoffnungen in realistische Chancen umgebaut sind, dann läßt sich in der Regel ganz vernünftig, fair, berechenbar, respektvoll und durchaus zukunftsgerichtet miteinander arbeiten. Es braucht allerdings Mut, und zwar bei den Führungskräften, den bisherigen Weg zu verlassen und diesen Kurs einzuschlagen.

Martin Beck - 13. Mrz. 2005

Erschienen in Sozialwirtschaft aktuell, NOMOS Verlag, Baden-Baden, Ausgabe 8/2005

Kontakt: Prof. Martin Beck

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